Eine Einwanderin aus Klimagründen
Da gehört sie definitiv nicht hin: diese grosse Spinne mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern. Mit ihren langen Beinen hockt sie auf dem Bügelbrett – mitten auf einem T-Shirt.
Ich fürchte mich nicht vor Spinnen. Ich nehme sie in die Hand und bringe sie nach draussen. Immer.
Das habe ich auch mit diesem grossen Exemplar vor. Also halte ich meine rechte Hand über sie und will sie aufnehmen. Doch damit habe ich nicht gerechnet: Sie beisst zu. Und wie.
In den Ringfinger der rechten Hand.
Es tut weh wie ein Bienenstich.
Vor Schreck öffne ich die Hand, und die Spinne verschwindet irgendwo im Zimmer. Mein Finger schwillt an und pulsiert mit einem klopfenden Schmerz. Ich hole einen Eisbeutel und kühle ihn.
Was zum Teufel war das denn?
Ich schaue im Internet nach. Aha: eine Nosferatu-Spinne, auch Kräuseljagdspinne genannt. Ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet, hat sie sich – begünstigt durch das wärmere Klima und vermutlich auch durch Verschleppung – immer weiter nach Norden ausgebreitet.
Für Menschen sei sie in der Regel ungefährlich, lese ich. Na ja. Ihre kräftigen Beisswerkzeuge können immerhin die menschliche Haut durchdringen. Der Biss wird mit einem leichten Wespenstich verglichen.
Ich finde, das Wort «leicht» kann man streichen.
Und dann dieser Name: Nosferatu. Er klingt nicht gerade vertrauenerweckend.
Trotzdem habe ich beschlossen, die Spinne am Leben zu lassen. Eine grosszügige Entscheidung, denn ich finde sie sowieso nicht mehr.
Sie soll mich einfach nicht noch einmal beissen. Anfassen werde ich sie jedenfalls nicht mehr.
Die Spinne ist verschwunden.
Mein Finger schmerzt auch am nächsten Tag noch.
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