Auf der Suche nach dem Wolf


Zu seinem 40. Geburtstag schenkte ich meinem Sohn einen Wolf.
Nicht wirklich natürlich.
Ich schenkte ihm zwei Tage in der Lausitz – auf der Suche nach Wölfen.
Wir logierten im Hotel zum Hammer und hatten für zwei Tage Stefan gebucht. Er sollte uns durch die Lausitz führen und uns zeigen, wo die Wölfe leben.
Ob wir einen sehen würden, wusste weder er noch wir.
Und genau das gefiel mir.
Keine Wölfe, die für Touristen angefüttert wurden. Kein Platz, an dem man nur lange genug warten musste, bis das Tier zuverlässig auftauchte. Keine Garantie.
Der Wolf war irgendwo da draussen.
Die Lausitz liegt im Osten Deutschlands, in Sachsen und Brandenburg, und erstreckt sich bis nach Polen.
Für die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland spielte diese Region eine besondere Rolle.
Nachdem Wölfe hier lange verschwunden waren, wanderten in den 1990er-Jahren wieder Tiere aus Polen ein. 1996 wurde auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in der Muskauer Heide ein Wolf beobachtet. Zwei Jahre später waren es zwei.
Und im Jahr 2000 geschah etwas, das es in Deutschland seit sehr langer Zeit nicht mehr gegeben hatte:
Ein Wolfspaar bekam Junge.
Vier Welpen wurden nachgewiesen.
Mit diesem Rudel begann die natürliche Rückkehr des Wolfes nach Deutschland.
Und genau in dieser Landschaft waren nun mein Sohn und ich unterwegs.
Wer glaubt, Wolfsbeobachtung bedeute, irgendwo bequem mit dem Feldstecher zu sitzen und darauf zu warten, dass ein Wolf vorbeispaziert, täuscht sich.
Zumindest bei uns war es anders.
Wir gingen.
Und gingen.
Stundenlang.
Dann blieben wir wieder stehen.
Schauten.
Warteten.
Gingen weiter.
Es war kalt. Sehr kalt.
Und windig.
Und neblig.
Manchmal standen wir einfach irgendwo in dieser weiten Landschaft, den Feldstecher vor den Augen, und suchten die Gegend ab.
Nichts.
Zumindest kein Wolf.
Dafür zeigte uns Stefan etwas anderes.
Er zeigte uns, wie man eine Landschaft liest.
Plötzlich war ein Haufen Kot nicht einfach ein Haufen Kot.
Es war eine Wolfslosung.
Sie verriet, dass hier tatsächlich ein Wolf vorbeigekommen war.
Vielleicht in der vergangenen Nacht.
Vielleicht vor einigen Tagen.
Und sie konnte sogar Aufschluss darüber geben, was er gefressen hatte.
Wir kontrollierten Wildtierkameras. Sie werden auch beim wissenschaftlichen Wolfsmonitoring eingesetzt, um herauszufinden, welche Tiere sich in einem Gebiet bewegen. Daneben liefern Spuren, Losungen und andere Hinterlassenschaften wichtige Hinweise.
Wir lernten zu schauen.
Nicht nur nach dem Wolf.
Nach allem.
Stefan kannte die Vögel.
Er zeigte sie uns, erklärte, wo sie lebten und woran man sie erkannte.
Und dann waren da die Kraniche.
Die Seeadler.
Ich weiss nicht mehr, wie viele Vögel wir in diesen zwei Tagen gesehen haben.
Aber ich weiss noch, dass sich meine Aufmerksamkeit verändert hatte.
Je länger wir unterwegs waren, desto mehr sah ich.
Der Wolf selbst machte es uns schwer.
Man weiss, dass er da ist.
Man findet seine Losung.
Man findet seine Spuren.
Eine Kamera hat ihn vielleicht aufgenommen.
Und trotzdem sieht man ihn nicht.
Eigentlich ist das nicht verwunderlich.
Wölfe in freier Wildbahn sind vorsichtige Tiere. Sie meiden in der Regel die Nähe des Menschen. Eine Begegnung lässt sich nicht organisieren oder versprechen.
Und genau deshalb werden bei seriösen Wolfsbeobachtungen die Tiere nicht angelockt oder gefüttert. Sie sollen ihre natürliche Scheu behalten.
Das bedeutete für meinen Sohn und mich:
Weitergehen.
Warten.
Frieren.
Feldstecher hoch.
Feldstecher wieder runter.
Und irgendwann hatte ich mich beinahe damit abgefunden.
Wir würden keinen sehen.
Die Reise war trotzdem schön gewesen.
Wir hatten zwei Tage lang nach einem Tier gesucht und dabei eine ganze Landschaft entdeckt.
Und dann – ganz am Schluss – war er da.
Weit weg.
Ohne Feldstecher wäre er wahrscheinlich kaum zu erkennen gewesen.
Ein Wolf.
Er überquerte in einiger Entfernung die Geleise und verschwand im Wald.



Kommentare