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Mehr als ein Waldspaziergang

Autorenbild: Antoinette Capitelli
Antoinette Capitelli
18. Okt.
3 Min. Lesezeit

Ich gehe oft mit Owen im Wald oberhalb von Boswil spazieren.

Es ist ein märchenhafter Wald mit altem Baumbestand und unzähligen Wegen. Manche sind breit, andere schmal und verschlungen. Jedes Mal entdecke ich Neues.

Mitten in diesem Wald liegen die Weiher des Feldenmoos.

Ihr Wasser hat eine seltsame grüne Farbe. Die Bäume spiegeln sich darin, manchmal so deutlich, dass kaum zu erkennen ist, wo der Wald aufhört und sein Spiegelbild beginnt.

An manchen Stellen wachsen Seerosen. Ihre Blätter schwimmen auf der Oberfläche. Pinkfarbene und weisse Blüten.

Darüber schwirren Libellen mit leuchtend blauen Flügeln. Sie sehen aus wie Schmetterlinge. Ihr Blau hebt sich vom Grün des Wassers ab.

Rund um die beiden grösseren Weiher führt ein liebevoll angelegter Weg, mit Holzschnitzeln bedeckt. Überall stehen Bänklein, und eine grosse Feuerstelle lädt zum Verweilen ein.

Ich begegne vorwiegend älteren Menschen.

Wie ich.

Die haben Zeit zum Verweilen.

Wie ich.

An einem dieser heissen Tage begegne ich einem älteren Ehepaar.

Die Frau ist nicht mehr besonders gut zu Fuss. Die beiden stammen aus Boswil und kennen die Gegend seit vielen Jahrzehnten.

Wir kommen ins Gespräch.

Der Mann erzählt, dass er früher Bauer gewesen sei und später ein Bauunternehmen gegründet habe. Von der Landwirtschaft allein konnten sie nicht leben.

Und dann erfahre ich etwas, das ich nicht wusste.

Hier wurde früher Torf abgebaut.

Ich schaue mich um.

Torfabbau? Hier?

Er erinnert sich noch gut daran, wie die Weiher angelegt wurden, und erzählt mir von den damaligen Meliorationsarbeiten.

Wir unterhalten uns lange. Vieles davon ist mir neu.

Zu Hause möchte ich mehr darüber erfahren.

Tatsächlich befand sich hier einst ein Moor. Während des Ersten Weltkriegs begann man, Torf abzustechen, weil Kohle als Brennmaterial knapp war.

Die Torfschicht war stellenweise vier bis fünf Meter dick. Der Torf wurde von Hand herausgestochen, getrocknet und mühsam ins Dorf hinuntertransportiert.

Bis in die 1950er-Jahre wurde hier Torf gewonnen.

Danach wollte man das Gelände aufforsten. Doch der Boden war stark vernässt.

In den Wintern 1962/63 und 1968/69 wurden deshalb drei Weiher ausgehoben. Mit dem ausgehobenen Material schüttete man den umliegenden Boden auf.

So entstand die Landschaft, durch die ich heute mit Owen spaziere.

Der Mann erinnert sich besonders an den bitterkalten Winter 1962/63.

1962/63.

Plötzlich taucht eine längst vergessene Erinnerung auf.

In diesem Winter war ich gut sechs Jahre alt. Wir gingen zu Fuss über den gefrorenen Zugersee von Cham nach Zug.

Sofort sehe ich die Szene wieder vor mir.

Mein Vater wollte mit einem eleganten Sprung eine aufgebrochene Stelle im Eis überspringen.

Doch statt auf der anderen Seite zu landen, brach er mit einem Bein durch das Eis. Zum Glück konnte er sich halten.

Und so ging er bei eisiger Kälte weiter nach Zug und später wieder zurück nach Cham.

Mit einem nassen Bein. Die Sonntagshose. Darunter keine lange Unterhose.

So war er. Ziemlich stur. Nichts anmerken lassen.

Ich hatte damals grosse Angst.

Wie lange habe ich nicht mehr daran gedacht?

An einem anderen Tag treffe hier ich einen Fischer mit seinem Sohn.

Sie stehen am Ufer, ihre Angeln im Wasser.

«Darf hier eigentlich jeder fischen?», frage ich ihn.

«Nein, dafür braucht man eine Bewilligung», erklärt er mir.

«Und was fangen Sie hier?»

«Brachsmen und Karpfen.»

«Sind die denn gut zum Essen?»

«Nicht gerade etwas für Feinschmecker», meint er.

Ich wusste nicht, dass in diesen Weihern gefischt wird.

Nur, dass Baden verboten ist.

Manchmal bleibe ich am Ufer stehen und schaue auf das grüne Wasser.

Ich denke an den Mann aus Boswil.

Ohne unsere Begegnung hätte ich wohl nie erfahren, wie es hier früher aussah.

Der Weiher ist derselbe geblieben.

Aber ich sehe ihn heute anders.

 
 
 

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